Gaetano Donizetti

Lucia di Lammermoor

 

Staatstheater Darmstadt

Premiere: December 7th. 2019

Conductor: Andry Yurkevich

Stage Direction: Marcos Darbyshire

Set: Robert Schweer

Costumes: Frank Lichtenberg

Video: Johannes Kulz

Dramaturgy: Valeska Stern 

                        Kirsten Uttendorf

Lucia: Bianca Tognocchi 

Enrico: Julian Orlishausen

             Michael Bachtdaze 

Edgardo: David Lee

                Felipe Rojas Velozo

Raimondo: Johannes Seokhoon Moon

Arturo: Jaroslaw Kwaśnievski

Alisa: Xiaoyi Xu

          Nina Tarandek

Normanno: Kvicha Khozrevanidze

Photos: Niels Heck

Reviews

Am besten, geradezu grandios gelingt der dritte Akt: Dass Lucias Wahnsinnsarie, von Bianca Tognocchi atemberaubend koloraturischer, mit funkelnden Spitzentönen vorgetragen, ihre ganze dramatische Wucht entfaltet, hat auch mit der symbolhaft überzeichneten Optik der Szene zu tun. Das blutbeflekte Brautgewand in den Händen, erscheint Lucia auf einer Treppe und legt Enrico ihr Hochzeitskleid als Bußgewand an. Der realen Welt schon entrückt, küsst sie den Bruder als Bräutigam. Auch hier ist die Bildsprache grotesk gebrochen: Stufe für Stufe rollt der gemeuchelte Gatte nach unten, um in bizarrer Verrenkung davonzukriechen. Eine ironische Verfremdung, die den tragischen Ausgang des Dramas umso drastischer under die Haut treibt. Am Ende steht ein Akt der Rebellion: Lucia tötet sich nicht, sondern den tyrannischen Bruder - und durchbricht damit die Tradition weiblicher Selbstopferung… 

Silvia Adler OPERNWELT Januar 2020

Die stärkste Umdeutung erfährt in Darbyshires Neuinszenierung aber die Figur von Lucias Erzieher und väterlichem Vertrauten Raimondo, der zu Lucias jüngerem Bruder wird. Von diesen Annahmen ausgehend, kann sich die Regie des jungen argentinischen Regisseurs im Verbund mit einer enorm starken musikalischen Belcanto-Deutung in geradezu erschütternder Stringenz entfalten. In dieser Schauerroman- Szenerie hält das tiefste Grauen freilich die Familie bereit. Dass Enrico, der ältere Bruder, von seiner Rolle als Stammhalter überfordert wird, wirkt durch die Gegenwart des Vaters beglaubigt. Konsequent jenseits des familiären Tableaus steht Lucias Geliebter; der riesige Darmstädter Bühnenraum erlaubt es, die Drehbühne in der Tiefe variabel zu verschieben und Edgardo dabei konsequent außerhalb der familiären Verstrickungen auftreten zu lassen. 

(...) Den ihr zugedachten Zwangsbräutigam dagegen zieht Lucia mit blutiger Konsequenz in den Mittelpunkt der Handlung, denn das Blut des von ihr gelynchten und eindrucksvoll sterbenden Arturo Bucklaw (Jaroslaw Kwasniewski) befleckt alles, ihr Brautkleid, ihre Hände, das Hemd ihres Bruders Enrico. Der Wahnsinn, der Lucia vermeintlich befällt, ist nur die konsequente Reaktion auf den Schrecken, ihre „Wahnsinns-Arie“, eine der bedeutendsten musikalischen Nummern des Belcanto überhaupt, wirkt in all ihren Entgrenzungen in die Höhe, in die Figurationen, ins vokale Kolorit schlüssig. 

(...) Die musikalisch-szenische Geschlossenheit der Neuproduktion, die nie den Vorrang des Gesangs in Frage stellt, sondern ihn in all seinen Extremen aus der Handlung legitimiert, wirkt vor den Umständen der Probenarbeit umso erstaunlicher. Erst kurz vor Probenbeginn hatte Marcos Darbyshire die Regie und zumindest Teile des Konzepts von seinem erkrankten Kollegen Dirk Schmeding übernommen.

Axel Zibulski FAZ 10.12.2019

Dass Darbyshire in der Ausstattung vor vollendete Tatsachen gestellt werden musste, ist der Inszenierung aber nicht abträglich. Sie findet einen einleuchtenden Weg zwischen einer geschmackssicheren Figurenführung und einer effektvollen, gespenstisch angehauchten Familientragödie, wie es Walter Scott, Autor des Romans „The Bride Of Lammermoor“, gefallen haben dürfte. Robert Schweers Bühne bietet trudelnde Raumkästen, in der eine leicht angegammelte grüngemusterte Tapete und zahllose Gemälde von besseren Zeiten berichten. Da die Ashtons, zu denen Lucia gehört, den Ravenshoods das Anwesen einst raubten, bleibt offen, wessen Familienporträts hier eigentlich hängen. In die Mitte haben sich jedenfalls die Ashtons platziert: Das geisterhaft (also mittels eines Computers) veränderliche Familienbild ist schon auf dem Vorhang zu sehen. Darbyshire verstärkt die Familienbande, indem Alisa (die klassische Vertrautenrolle) zur leichenblassen Mutter von Lucia avanciert.

Judith Sternburg FRANKFURTER RUNDSCHAU 10.12.19

Darbyshire greift Donizettis Konzept der Verdichtung auf und setzt es konsequent um. Die Handlung konzentriert sich weitgehend auf den Konflikt zwischen Lucia und Enrico und treibt schnörkellos auf das dramatische Ende zu. Mit dieser Zuspitzung verdeutlicht Darbyshire die unmenschliche Praxis einer patriarchalischen Gesellschaft, Frauen nur als Verfügungsmasse im Spiel um Macht und Status zu betrachten. (…) Diese Inszenierung hält den Spannungsbogen von der ersten bis zur letzten Szene und entlässt die Besucher keinen Augenblick aus ihrem Bann.

Frank Raudszus egotrip.de 21.12.2019

…Und sie (Lucia) durchbricht den alten Generationenvertrag der Gewalt. Von Marcos Darbyshires Regie wird das überzeugend vorbereitet. Seine Inszenierung macht die abstrakte Unglücksmachine konkret. Sie zielt auf die Familie als den tragischen Kern des Unglücks. Schon ganz am Anfang sind die ernsten und abweisenden Eltern anwesend. (…) So hat die Inszenierung auch musikalisch originelle Sichtweisen bereit, wie auch die Regie der Schauergeschihte neue Plausibilität verleiht: ein spannender, begeistert aufgenommener Theaterabend, an dem es viel mehr zu entdecken gibt als den großen Wahnsinn, auf den alle warten.

Johannes Breckner DARMSTÄDTER ECHO 6.12.2019